"Greatest Hits" 2017

Was ist eigentlich ein Schlager? Blickt man in die jüngere Musikgeschichte, dann kommt diese Bezeichnung Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien auf und beschreibt eine Melodie, die bei der Masse „einschlägt“. Die Walzer von Johann Strauß etwa, die man auf der Gasse pfiff und die bald all überall in zahllosen Bearbeitungen zu hören waren. „Hit“ ist die direkte Übersetzung des Schlagers ins Englische, und dort bekommt die Bezeichnung schnell einen sehr kommerziellen Sinn. Nach der Erfindung der Schallplatte und den ersten Aufnahmen von populärer Musik entstehen sehr schnell die sogenannten Charts, in denen aufgelistet ist, welche Songs sich besonders gut verkaufen, also Hits sind.

Doch all das gab es natürlich schon viel länger, nur dass man Melodien, die die Welt bewegten, anders bezeichnete. Etwa als Gassenhauer oder als Schleicher, Kriecher oder Dittye. In unserer neuen Edition des Kölner Festes für Alte Musik betrachten wir einige der einflussreichsten, bekanntesten und beliebtesten Musik stücke der Historie – eben unsere Greatest Hits. Und fragen unter dem Licht der historischen Aufführungspraxis nach Hintergründen, besonderen Geschichten oder überraschenden Einsichten. Dabei stoßen wir auf das Chanson „L’homme armé“, das im späten 14. Jahrhundert vor Männern in Waffen warnte und offensichtlich so beliebt war, dass es als Cantus firmus in zahllosen Messvertonungen des franco-flämischen Raumes wieder auftaucht. Wir präsentieren frivole Canarios und Folies, die ihren Weg aus verruchten Etablissements in die Kunstmusik machten. Wir suchen die Wurzeln der mittelalterlichen Carmina burana, die durch Carl Orff zum Welthit wurden. Aber natürlich haben wir auch jene Evergreens des historischen Repertoires im Programm, die bis heute ganz oben auf der Beliebtheitsliste stehen: Vivalidis „Vier Jahreszeiten“, Schumanns „Träumerei“, Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ und Mozarts „Zauberflöte“. Doch versuchen wir, Sie dabei immer wieder mit ungewöhnlichen Zugängen zu überraschen. Zu Vivaldis Meisterwerk wird ein Actionpainter live malen, die „Bilder einer Ausstellung“ erklingen auf einem echten zeitgenössischen Pianoforte aus St. Petersburg und die „Zauberflöte“ gibt es in der Fassung für Harmoniemusik.

Einen roten Faden des Festivals bildet das Werk von Johann Sebastian Bach. Von den Orchestersuiten über die großen Kantaten auf die wiederum stark hitverdächtigen Lieder von Martin Luther bis hin zu Solowerken für Violine und Cembalo erklingt Musik, die zunächst gefeiert und geschmäht, dann fast vergessen und inzwischen zum High-End-Kanon der Klassik gehört. Schließlich ist ein unzweifelhafter Hit auch das Leitmotiv unseres Musiktheaterstücks MUSICA FUGIT: der „Cant dels ocells“, fast eine katalanische Volkshymne. Doch nicht deshalb ist das aufsehenerregende Musiktheaterstück wieder im Programm, sondern weil wir es als unsere Aufgabe sehen, mit unserem Tun künstlerisch UND sozial zu wirken. Die fantastische Produktion um Flucht und Hoffnung, die vom zamus-ensemble und der Theatergruppe Kamchátka um das Komödiantengenie Adrian Schvarzstein entwickelt wurde und im Kölner Fest für Alte Musik 2016 zu sehen war, hat so viel hinterlassen, dass wir weitermachen wollten. Diesmal mit Menschen, die es in der Realität nach Köln verschlagen hat in einer Welt, die nach wie vor die Kraft und die Imagination der Kunst braucht.

Thomas Höft

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Foto: Vivaldi by Tom Lohner